Der Langeweile und der Eintönigkeit machte eine Elterninitiative vor 15 Jahren ein Ende: Unzufrieden mit den damaligen Freizeitgestaltungs-Angeboten im Hort der Wilhelmsruher Schule murrten die Mütter und Väter nicht nur, sondern arbeiteten konstruktiv auf die Lösung der Probleme zu. Bislang war nicht viel mehr los für die Kinder, als betreutes Erledigen der Hausaufgaben, ein paar Brettspiele, Fußball bei schönem Wetter. Das macht Spaß, aber Freizeit ist ein kostbares Gut, da geht mehr. Die engagierten Eltern gründeten einen Förderverein und organisierten einen ersten finanziellen Unterbau für ihr Projekt. Bald schon wurde es lebendig im Keller des inzwischen 101 Jahre alten Schulhauses in der Goethestraße. „Hier wurden gemeinsam mit Künstlern Projekte organisiert." beschreibt Maria Pfennig den Beginn, „Theater wurde gespielt, eine Foto-Gruppe begann zu arbeiten, in Werkstätten wurde gebastelt." Maria Pfennig ist Projektentwicklerin bei der gemeinnützigen Pankower-Früchtchen-GmbH, die aus dem Verein vor drei Jahren hervorging und deren kreative und verwaltungstechnische Zentrale das alte Haus, die Rote Schule, bis zum vergangenen Jahr war. Inzwischen nach Pankow umgezogen, leistet die gGmbH in dem historischen Gebäude nach wie vor einen großen Teil ihrer Arbeit.
Das Schulhaus darf als eines der Wilhelmsruher Wahrzeichen gelten. Generationen von Wilhelmsruhern drückten hier die Bänke, lernten Lesen, Schreiben und Rechnen, später dann auch manches mehr. Seit dem Auszug der ehemaligen Schule selbst in ein größeres Gebäude und dem fast vollständigen Umbau im Inneren, gehört die Rote Schule vollständig der Freizeit und ist von Hortkindern in Beschlag genommen. Doch auch die älteren Jahrgänge sind hier stets geladen, denn ein wesentlicher Teil des Früchtchen-Konzeptes ist die Begegnung der Generationen, das „Mehrgenerationenhaus" ist inhaltlich und räumlich Programm. „Das Haus ist sehr bedeutend für den Ortsteil, weil praktisch alle Wilhelmsruher hier zur Schule gingen", sagt Maria Pfennig, „und fast jeder hier eine Beziehung dazu hat. Es ist fast wie ein Marktplatz und bezeichnet förmlich das Verhältnis der Leute hier, zumal Wilhelmsruh fast den Charakter einer eigenen Kleinstadt hat." Voneinander lernen heißt es deshalb regelmäßig im Erzählcafé im Parterre, es geht ums Kennenlernen, um Gespräche, die in gemeinsame Aktionen münden. Aus dem Ansehen der Fotos von früher wurde eine Fotosuche, eine Spurensuche, die in eine Ausstellung mündete, inzwischen nicht die einzige. ¬Initiiert hatte das Ganze eine ältere Wilhelmsruherin, längst schon treffen sich Junioren und Senioren regelmäßig zu thematisch bestimmten Nachmittagen. So traf Joystick aufs Steckenpferd, Brummkreisel auf Spielkonsole. „'Spielen damals und heute' ist eins der Themen gewesen", erzählt Maria Pfennig, „wir sind für alles offen, auch ums ‚Essen im Wandel der Zeiten' ging es schon." Spannende Geschichten hängen überall dran, und mancher Pommes-rot-weiß-Freund hatte von Brotsuppe noch nie gehört, ebenso verbindet gewiss mancher Urgroßvater mit Chicken-Burger auch nicht viel. Schach scheint ein Spiel zu sein, das heutzutage wohl auch nicht mehr zu den populärsten gehört - gehörte, denn die Alten lehren hier die Jungen das Königliche Spiel, inzwischen gibt es kleine Wettbewerbe.
Puppentheater und Tischtennis, Spanisch und Computer, Zauberschule und Poi Dance sind nur einige der vielen Angebote, die in der Roten Schule genutzt werden. „Raufen mal anders" sei, so Maria Pfennig, „organisiertes Prügeln", denn größer werdende Jungen und Mädchen müssen ihr Kräftemessen auch mit Regeln körperlich austragen können, ohne dass es beim Balgen Verletzte gibt. Die „Kunstwerkelei" verwandelt beispielsweise alte Plastikbrillengestelle, an Werkbänken geschliffen, in Ringe und Kettenanhänger. „Wichtig ist uns, dass die Kinder am jeweiligen Tag spontan entscheiden können, wobei sie mitmachen wollen, keiner muss über Wochen vorausplanen, alle diese Kurse sind kostenfrei", erläutert Maria Pfennig. Das Früchtchen-Konzept geht Tag für Tag auf - Eintönigkeit und Langeweile sind in Wilhelmsruh zu Fremdwörtern geworden.



