Tai Chi: Die Entdeckung der Langsamkeit
Vielleicht haben Sie es schon einmal auf einer Wiese beobachtet: Menschen, die seltsam anmutende, fließende Bewegungen ausführen, und das auch noch in Zeitlupe. Diese Bewegungen sind charakteristisch für Tai Chi oder auch Taiji genannt. Aus China stammend, diente dieses uralte Bewegungssystem ursprünglich der Selbstverteidigung und der Verlängerung des Lebens.
Die ohne Mühe ausgeführten langsamen Bewegungen harmonisieren Körper und Geist. Und wie auch beim Yoga ist das Atmen sehr wichtig. Es gibt den Rhythmus vor, reguliert den natürlichen Wechsel von Spannung und Entspannung und setzt so Energie frei. Dass die Bewegung im Körperzentrum ansetzt ist ein weiterer bedeutender Bestandteil des Tai Chi. Auf diese Weise stabilisiert man sein Gleichgewicht und harmonisiert den Bewegungsfluss, man hält die Mitte.
Beim Tai Chi greifen bewusst verlangsamte, verschiedene Bewegungen ineinander, so dass ein fließender Ablauf entsteht. Obwohl sie so mühelos erscheinen, unterliegen die Bewegungen einem klar gegliederten, streng formalen Aufbau. Wozu soll das gut sein, fragen Sie sich?
Durch die ständige Wiederholung wird die Tai Chi-Form zum Maßstab, an dem sich das eigene Körperverhalten in jeder Lebenssituation neu ablesen lässt. Sehr bald stellt sich ein waches Bewusstsein für physische und psychische Zusammenhänge ein. Durch regelmäßiges Üben entwickelt sich ein gesteigertes Körperbewusstsein, eine erhöhte Konzentrationsfähigkeit und insgesamt eine Verbesserung des Wohlbefindens.
Der Tai Chi-Form liegt die Philosophie der fließenden Lebensenergie zugrunde: Qi, der Atem, wird als Kraft vorausgesetzt, die die Dinge in Bewegung bringt. Stockt der Atemfluss, tritt der Tod ein. Es ist die Kunst des Tai Chi, Qi hervorzubringen.
Diese Lebensenergie bewegt sich zwischen zwei Polen Yin und Yang. Wobei Yin hier für Zusammenziehen, Leere, Einatmung und Yang für Ausdehnen, Fülle, Ausatmen steht. Die Gesetze von Yin und Yang finden sich im Mikrokosmos wie auch im Makrokosmos als wirksame Naturgesetze. Auch der Mensch unterliegt dieser Gesetzmäßigkeit. Ist Qi im Fluss, dann wirken die Naturgesetze im menschlichen Mikrokosmos in Übereinstimmung mit denen des Makrokosmos. Über allem ist Tao, das Eine in Allem, das alles bewirkt ohne selbst zu wirken. Tao ist der Weg, der selbst unbewegt ist, aber Bewegung hervorbringt.
Von der Vorstellung ausgehend, dass den Körper Energiebahnen durchziehen und dass Krankheiten entstehen, wenn der Energiekreislauf an einer Stelle gestört ist, suchten die alten chinesischen Ärzte Mittel und Wege, Blockaden zu beheben. Denn China ist das Land der klassischen Gesundheitsvorsorge. Ärzte wurden nicht für die Behandlung von Krankheiten bezahlt, sondern für die Erhaltung der Gesundheit. Tai Chi gehört zu den so genannten äußeren Übungen, die auf Atmung, Stoffwechsel, Elastizität der Gelenke und der Muskulatur verbessert einwirken.
Durch die runden, weichen Bewegungen wird der Energiekreislauf in Gang gehalten. Yin und Yang kommen in den energetischen Austausch von Fülle und Leere. Probieren Sie es aus, es muss ja nicht gleich auf der Wiese sein.
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