Kommt ein Baby zu früh auf die Welt, bedeutet das für Kind und Mutter, aber auch für den Vater und die Familie nicht nur körperlichen, sondern auch seelischen Stress. Entgegen der ursprünglichen Familienplanung kann es von einem Tag zum anderen zu außergewöhnlichen Situationen kommen. Einige Fragen zum Thema „Zu früher Start ins Leben" beantworten Prof. Dr. med. Michael Untch, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, und Prof. Dr. med. Lothar Schweigerer, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin - beide aus dem Perinatalzentrum (Einrichtung zur Versorgung von Früh- und Neugeborenen) des HELIOS Klinikums Berlin-Buch.
Wann spricht man von einem Frühgeborenen?
Eine Frühgeburt ist laut Definition eine Geburt vor abgeschlossenen 37 Schwangerschaftswochen. Man muss unterscheiden, ob eine Frühgeburt vor oder nach der 30. Woche passiert.
Warum ist diese Unterscheidung so wichtig?
Unter 30 Wochen haben die Kinder zwar ausgebildete Organe, die funktionstüchtig sind, jedoch ist gerade die Lunge eines der Organe, das bei Unreife größere Beatmungsprobleme verursachen kann. Aus diesem Grunde verabreichen Kinderärzte den zu früh auf die Welt gekommenen Kindern ein sehr wirksames Medikament, das den Gasaustausch in der Lunge deutlich verbessern kann. Auch andere Organsysteme sind bei sehr kleinen Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 g durch die Unreife gefährdet. Dies sind Kreislaufsystem, Stoffwechsel, Nierenausscheidung und Gehirn. Daher ist es außerordentlich wichtig, solche Frühgeborenen in speziellen Abteilungen (Neonatologie) durch besonders ausgebildete Ärzte und Fachkrankenschwestern zu betreuen und zu behandeln. Gerade bei Frühgeborenen über 32 Schwangerschaftswochen gelingt es sehr häufig, eine ausgezeichnete Überlebensrate zu erreichen. Aber auch bei den sehr kleinen Frühgeborenen unter 1500 g Geburtsgewicht sind die medizinischen Entwicklungen in den letzten Jahren rasant verlaufen. Ein Überleben dieser Frühgeborenen gelingt heute deutlich häufiger als noch vor 15 bis 20 Jahren.
Wie kann den Frühgeborenen geholfen werden, diese Zeit der „Nachreife" möglichst unbeschadet zu überstehen?
Ein wesentliches Prinzip ist es, die Frühgeborenen so viel wie notwendig aber so wenig wie möglich zu belasten - sei es durch Untersuchungen, Blutentnahmen oder andere Eingriffe. Frühgeborene reagieren darauf ausgesprochen sensibel und negativ. Andererseits verfügen sie aufgrund ihrer Unreife noch nicht über die Fähigkeit zur Regulierung von Atmung, Körperwärme, Nahrungsaufnahme und Immunabwehr. Frühgeborene werden deshalb oft noch beatmet oder erhalten Sauerstoff. Sie liegen in speziellen Inkubatoren, erhalten die Nahrung über die Vene oder eine Magensonde und werden im Inkubator möglichst wenig von Fremden berührt. Erwünscht und erwiesenermaßen positiv für die weitere Entwicklung ist dagegen der Körper- und Hautkontakt mit den Eltern, entweder im Inkubator oder - wenn die Körperwärme gehalten wird - auf dem Bauch der Eltern.
Werden Eltern medizinisch und psychologisch unterstützt, um die kritischen ersten Lebenswochen ihres Babys zu meistern?
Die medizinische und psychologische Unterstützung und Begleitung von Müttern und Vätern, deren Kind zu früh geboren wurde, ist Teil der Arbeit in einem spezialisierten Geburtszentrum (Perinatalzentrum).
Unsere Erfahrungen sind dabei außerordentlich positiv. Die intensive und ganzheitliche Betreuung der Eltern sowie ggf. auch der Geschwisterkinder und Familienangehörigen hilft auch bei der Bewältigung der neuen Situation und bei den medizinischen Entscheidungen - gemeinsam mit den Ärzten und dem Pflegepersonal.
Infoabend: Im HELIOS Klinikum Berlin-Buch findet jeden 1., 2. und 3. Dienstag im Monat um 17.30 Uhr (Treffpunkt Foyer) ein Informationsgespräch mit anschließender Möglichkeit zur Kreißsaalbesichtigung statt. Sie werden ausführlich zu Fragen rund um die Entbindung informiert. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
In Deutschland werden jährlich 60.000 Kinder zu früh geboren, davon 8.000 als sehr kleine Frühgeborene mit einem Gewicht unter 1500 g („very-low birth-weight", VLBW). VLBW-Kinder, Kinder mit Fehlbildungen und anderweitig kranke Neugeborene bedürfen besonderer, hoch qualifizierter Pflege und medizinischer Versorgung. Entscheidend für eine gute Prognose ist die Geburt in einem Perinatalzentrum. Perinatologische Zentren sind vom Gemeinsamen Bundesausschuss neu definiert worden: Ärztliche und pflegerische Versorgung und Kompetenz sowie vorzuhaltende Fachrichtungen sind vorgeschrieben. Die maximale Versorgungskompetenz ist das Perinatalzentrum Level 1.
Kontakt:
HELIOS Klinikum Berlin-Buch
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