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Michel Bergmann: Die Teilacher
Wie lebt man nach dem schrecklichen Grauen in den Lagern der Nazis? Woran glaubt man, wen liebt man, wovon lebt man? Davon erzählt das Buch von Michel Bergmann.

Der junge Alfred Kleefeld trifft nach der Beerdigung seines Onkels dessen Freunde und Kollegen, die Teilacher Jossel Fajnbrot, Emil Verständig, Moische Krautberg, Max Holzmann und andere Wegbegleiter seines Onkels. In einem langen Gespräch erinnern sie sich an ihr Leben, ihre Rückkehr nach Deutschland 1946, den Verlust ihrer Familien aber auch an gemeinsame Erlebnisse und Erfolge.

Jossel, Emil, Max und Moische sind als einzige ihrer Familien aus den Lagern zurückgekehrt. Als Teilacher versuchen sie nun ihr tägliches Brot zu erwirtschaften. Teilacher, das bedeutet, zusammengesetzt aus dem Wort „Teil" und dem jüdischen Wort „laachod", Einzelhandel.

In ihren Wagen unterwegs um Wäsche, Decken und Aussteuerpäckchen zu verkaufen und sich eine Zukunft aufzubauen, befahren sie das Frankfurt am Main der Nachkriegsjahre. Ein Frankfurt, das grau in grau versucht weiter zu leben, unter anderem auch mit ehemaligen Anhängern der Nationalsozialisten in neuen Positionen und mit Überlebenden des Holocaust.

Michel Bergmann, 1945 in einem Internierungslager geboren, lässt seine Hauptfigur Alfred durch das Leben dieser Männer und besonders durch das seines Onkels David reisen. Er zeigt ihm die Hoffnungslosigkeit, die manche ehemaligen Lagerinsassen schultern müssen und die Frage nach einem Glauben. Aber er erzählt auch eine Liebesgeschichte, die lange Jahre überdauert und ein großes Geheimnis in sich birgt. Am Ende wird diese Reise durch das Leben seines Onkels für Alfred auch eine Reise zu sich selbst sein.

Aber Michel Bergmann betrachtet nicht nur einzelner Schicksale, sondern auch Täter und Opfer nach dem Krieg. In Kleingartensiedlungen, Schrebergärten und wohlig eingerichteten Wohnzimmern wird man so manches Mal Zeuge makaberer Verkaufsgespräche, immer umrandet von einem weinenden und einem lachenden Auge.

In einem wunderbar herzlichen Ton belebt Michel Bergmann seine Figuren. Er lässt sie trauern, lachen und ihre nachkriegsdeutsche Kundschaft betrachten. Langsam kann man die Männer Fuß fassen sehen, im Geschäft wie auch in der Liebe. Dieser Roman ist also nicht nur ein Roman über die schrecklichen Folgen des Holocaust, sondern vor allem ein Roman über den Neuanfang, über das Leben und die Hoffnung.

Susanne Spittka
Buchhandlung Bei Saavedra

Arche Verlag 2010, 19,90 €