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Buchtipp: Alexander Osang „Königstorkinder“
„Jede gute Geschichte endet doch nicht im Buch, in dem sie erzählt wird. Sie endet in unserem Leben.“

Andreas Herrmann, Anfang 40, bewirbt sich in der Charité um Aufnahme in das Langzeit-Schlafprojekt für künftige Raumflüge zum Mars. Dem Arzt gegenüber begründet er seinen Entschluss zur Teilnahme mit den Worten: „Ich möchte dieser Welt entfliehen. [...] Überall Baustellen, Straße auf, Straße zu, Straße auf, ohne erkennbaren Grund. Wunden, die nie heilen." In diesem Gespräch zwischen Andreas Herrmann und dem Arzt enthüllt sich nach und nach der wahre Grund für seine Weltflucht: Liebeskummer.

Zwei Wochen zuvor lernt Andreas Herrmann, der in einer Ostberliner Beschäftigungs­agentur mit einer Gruppe arbeitsloser Schauspieler an einem Kulturprogramm zum Mauerfalljubiläum arbeitet, die Grafikerin Ulrike Beerenstein kennen. In einem luftigen, blauen Sommerkleid wirbelt sie in das Leben von Andreas, herüber aus einem weißen Townhaus der „Prenzlauer Gärten" und hinein in das Arbeitsbeschaffungsprojekt. Und so treffen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und es beginnt die sommerliche Liebesbeziehung zwischen Andreas und Ulrike. Wie der Titel des Romans vermuten lässt, ist es die Geschichte zweier „Königskinder", die letztendlich nicht zu einander finden können.

So nimmt uns Alexander Osang mit auf eine Reise durch die letzten zwanzig Jahre der neuen deutschen Zeit nach 1989. Alexander Osang zeichnet mit leichter Feder in pointierten Dialogen ein Portrait des heutigen Prenzlauer Bergs, angefüllt mit Bioläden, „Milchschaumdestillen", Kinderläden und Ladenbüros mit Agenturen jeder Art. Durchmischt von einem Panoptikum schwäbischer Katholiken und protestantischer Rheinländer, die sich eingerichtet haben zwischen dem Bötzowviertel und den klinisch weißen Häusern der „Prenzlauer Gärten" am Königstor, und den Ewiggestrigen.

Alexander Osang entwirft ein kluges, facettenreiches Bild verschiedener Charaktere, die sich innerhalb von zwanzig Jahren in Berlin versammelt haben. Aus Ost und West, aus Nord und Süd. Ein Roman, der zwei Jahrzehnte gemeinsamer deutscher Geschichte wiedergibt und aus dem Schicksal der Verlorenen, Gestrandeten und vermeintlich Angekommenen Bilanz zieht. Ein lakonisches Buch, das unterhält und nachdenken lässt über das Auf und Ab der Nachwende- und der Jetztzeit. Und am Ende ist doch alles anders als es scheint. Oder etwa doch nicht?
Maite Saavedra

Im Dezember plant die Buchhandlung Bei Saavedra eine Lesung mit Alexander Osang.

Alexander Osang „Königstorkinder"
Verlag: S.Fischer 2010
Preis: 19,95 Euro