Manch einer wird sich wundern, wenn er im spätwinterlichen Streiflicht unter den Granulatresten vor der Berliner Straße 27 ein Filmstreifen-Mosaik mit Heptagrammen entdeckt, und dies ausgerechnet vor einem Supermarkt, der unter anderem mit dem Slogan „Genuss mit Stern“ wirbt. An diesem Ort - im damals noch ländlichen Pankower Süden - befand sich zur Gründerzeit der Ballsaal des Ausflugslokals „Feldschlößchen". In diesem Ballsaal wurde 1895 das erste deutsche Kino errichtet, in dem auch erstmals die Werke der Pankower Brüder Skladanowsky zur Aufführung kamen: Bewegte Bilder von Reckübungen, Jonglagen und einem italienischen Tanz, der im Garten des Lokals aufgenommen worden war. Das zur damaligen Zeit sensationelle Medium Film trat daraufhin auch in Deutschland seinen Siegeszug an.
1924 wurde das bestehende Gebäude abgerissen, und 1925 durch einen Neubau der Architekten Walter Erdmann und Reinhold Lest mit 400 Sitzplätzen unter einer für damalige Verhältnisse üppigen Ausstattung ersetzt. Diese Prachtausstattung des Kino „Tivoli" - der Name ist bezieht sich auf die italienische Stadt Tivoli nahe Rom und ist ein Synonym für Vergnügungsparks - ging leider bei den Umbauarbeiten durch den Architekten Heinz Glückmann (1960 und 1971) verloren.
Die große alte Dame Tivoli wurde nur 99 Jahre alt. Das Kino wurde 1994 geschlossen, und verkam zu einer unansehnlichen Ruine, die vor sich hingammelte. Eine Vermögensberaterin hatte das Gelände dann als erklärter Lubitsch Fan für 1,68 Millionen Mark ersteigert, und beabsichtigte die Errichtung eines Kinos mit Freiluftgelände, Wintergarten, Café und Biergarten. Die Planung erwies sich allerdings angesichts zweier neuer Multiplex-Kinos in der unmittelbaren Nachbarschaft als unrentabel. Das bedeutete das endgültige Aus für das historische Ensemble, für dessen Erhalt auch bis zuletzt namhafte Künstler unter der Ägide von Wim Wenders gekämpft hatten.



