Nirgendwo halten sich Geschlechterklischees hartnäckiger als bei der Zubereitung und beim Genuss von Gaumenfreuden. Während Männer gern heldenhaft im Rampenlicht die Kochlöffel kreuzen, müssen sich Frauen zumeist lorbeerlos mit dem Klischee des Heimchens der alltäglichen Nahrungsbereitung herumplagen. Höchste Zeit also, dass uns auch jemand diese verkehrte Welt erklärt. Die relativ unbekannte Ärztin Eva Gritzmann und der relativ bekannte Literaturkritiker Denis Scheck begeben sich auf eine eher originelle als wissenschaftliche Spurensuche nach geschlechtsgebundenen Geschmacksdifferenzen. Für ihr gemeinsames Werk „Sie & Er. Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken" haben sie sich Fragen gestellt, die, wie sie bereits im ersten Kapitel einräumen, „nicht eindeutig" beantwortet werden können.
Der Ansporn zu diesem Buch sei aus allerhand empirischen Betrachtungen entstanden. Wie anders Frauen und Männer schmecken, kochen und bestellen, sollte die „systematische" Befragung kulinarisch erfahrener Menschen rund um den Globus eruieren helfen. So dürfen also neben den Autoren die Aromaforscherin Andrea Burdack-Freitag, der Mediziner und Weinkenner Jürgen K. Mai, die Schriftsteller Donna Leon, Jeffrey Eugenides, Frank Schätzing und Jan Weiler sowie die Sterne-Köche Ferran Adri, Jean-Claude Bourgueil, Vincent Klink und Jamie Oliver ihren Senf der Erkenntnis dazugeben. Aber auch die vox populi von Winzerinnnen, Viktualienhändlern oder Fleischern wird erhört.
Heraus kommen dann boulevardeske Perlen wie die Enthüllung des „Tomatensaft-Mysteriums" im Flugzeug - der schmeckt in einer Höhe von 10.000 Metern einfach besser, weil die Geschmacksknospen in Zunge und Nase auf Druck sensibel reagieren, und den Paradiesapfelextrakt weniger säuerlich und dafür umso erfrischender ans Hirn melden. Dies scheint Weiblein und Männlein gleichermaßen zu betreffen. Lernen kann man auch, wie Geschmacks- und Geruchsinn funktionieren und verfeinert werden können, und wie die Entstehung des Kochens zur Menschwerdung beigetragen haben mag.
Allein: Der kleine Unterschied bleibt auf der Strecke. Der Weg war also das Ziel. Oder ist es geworden. Ob dieses Buch das Scheck‘sche Prädikat des „komplett unnötigen Buches" verdient, bleibt dem Geschmack des geneigten Lesers vorbehalten. Unterhaltsam ist es allemal. Und wer neugierig auf die Autoren ist, kann diese am 9. Juni in der KulturBrauerei erleben (www.berlinerbuechernacht.de).
Eva Gritzmann & Denis Scheck:
Sie & Er - Der kleine Unterschied beim Essen und Trinken. Bloomsbury, Berlin 2011,
287 Seiten, 18 Euro



